Sigridh


Ihr fragt, warum ich mich von meiner Heimat Yddland abgewandt und mich Sylesia zugewendet habe? Nun, dazu muß ich doch etwas weiter ausholen.

Ihr müßt wissen, mein Volk ist ein stolzes Krieger- und Seefahrervolk... wohl zu stolz, denn selbst die Götter wurden nicht mehr so gepriesen, wie es Ihnen zustüde. Ich muß gestehen, daß auch ich vor einigen Jahren nicht besser war. Doch dann ließen die Götter vor nun mehr 6 Jahren uns Ihren Zorn spüren.

Es war ein guter Sommer weder zu kalt noch zu trocken, trotzdem wollte kein Getreide wachsen und kein Obst reifen. Alles verdorrte oder verfaulte. Auch die umliegenden Dörfer waren betroffen. So mußten wir einen Tag weit reisen, um Getreide und Gemüse teuer von unserem ersparten zu kaufen.
Im nächsten Jahr wiederholte sich das Unglück und es war schlimmer. Weder wollten Fische in unsere Netze gehen, noch gebar unser Vieh Junge und auch unser Lehnsherr hatte keine Aufträge für uns, für die er uns bezahlen könnte. Es war klar: die Götter zürnten uns. Da blieb uns nur eines. Wir mußten die alte Edda befragen.

Und so begaben wir uns auf den Weg hoch in die Berge, wo ihre einsame Hütte nur selten aus den Wolken hervortrat. Es gab niemanden der dies gerne Tat. Unzählige Geschichten ranken um die alte Edda. So schwört meine Großmutter, daß die Edda schon alt und grau war, als sie noch ein junges Mädchen war. Andere meinen gehört zu haben, daß ihr bloßer Blick einen zu Stein erstarren ließe. Es heißt auch, daß ihre Hütte nicht ohne Grund so weit oben läge, denn dadurch sei sie den Göttern näher und könne mit ihnen sprechen. Und das war der Grund, warum wir zu ihr aufbrachen.

Es war ein beschwerlicher Aufstieg durch Sturm, Regen und dichten Nebel. Erschöpft erreichten wir am späten Abend die Hütte der alten Edda. Der Wind pfiff tobend laut um den Berggipfel. Doch als wir durch die Tür traten und diese sich wie von allein schloß, war es still. Es war dunkel und kaum etwas war zu erkennen. Ein leises Kichern kam aus dem hinteren Ende der Hütte. "Kommt näher und setzt euch. Ich habe euch schon erwartet.", krächzte eine alte Stimme. Wir taten wie uns gehießen wurde. Langsam gewöhnten sich meine Augen an das wenige Licht und ich konnte die Edda erkennen. Sie war eine kleine Frau. Ihre Falten und ihr ergrautes Haar verrieten eindeutig ein hohes Alter, doch es war zu erkennen, daß sie einstmals eine schöne Frau gewesen war.

Siegbert unser Stammesführer ergriff das Wort und schilderte der alten Edda unsere Lage. Sie nickte und warf ein paar Kräuter in die Glut der Feuerstelle. Würziger Rauch verteilte sich im Raum. "Wir werden die Götter befragen. Seid nun still!", sagte sie. Dann holte sie einen alten Lederbeutel hervor und schüttete einen Haufen kleiner Knöchelchen aus. Erstaunlich gelenkig ließ sie sich in einen Schneidersitz nieder, nahm die Knochen in ihre Hände, murmelte etwas unverständliches und warf sie dann vor sich auf den Boden. Nachdem sie eine Weile jeden der Knochen angeschaut hatte, sagte sie:
"Ah… euer Stolz…
Den Göttern gefällt euer Hochmut nicht. Ihr glaubt, alles allein meistern zu können. Ihr solltet wissen, daß die Götter einen großen Einfluß auf euer Schicksal haben…
Zwei Aufgaben, die euren Hochmut dämpfen werden, sollt ihr lösen…
Zwei werden es sein, die sie zu lösen haben…
Die erste… ich sehe eine Steppe… Kräuter… ich sehe Kräuter, die ich nicht kenne… der Drache… und rotes Blut… ja… ein Kraut, dessen Blüte aussieht wie ein roter Drachenkopf… rot-blühendes Drachenkraut sollt ihr finden und zu mir bringen. Doch wer wird geschickt? Ahh… eine Frau… keine Mutter… ja, mutig und stolz… Sigridh, du wirst gehen.
Nun zur zweiten Aufgabe… ich sehe Wasser… Sümpfe und fremde Pflanzen… ein grünes Tier… Schuppen… kein Drache… viele Zähne… einen Zahn… ja, den Zahn eines Tiers, daß Krokodil genannt wird. Ich sehe einen Mann… einen starken Krieger… Erk, du bist ausgewählt."

Nun ein Kraut zu finden, das sollte nicht so schwierig sein und Erk als unser stärkster Krieger wird bestimmt auch jenes Tier bezwingen können. Wir verstanden nicht, warum solche Aufgaben uns Demut lehren sollten, doch sollte man die Weisheit der Götter lieber nicht anzweifeln. So kam es dann, daß Erk und ich auszogen, um uns auf diese doch so lächerlich scheinende Suche zu begeben.
Ich hatte keinerlei Ahnung von Kräutern, doch lernte ich schnell, daß es Unmengen rot-bühender Pflanzen gibt und auch so einige, die Drachenkraut, Drachenblut, Drachenbusch, Drachenwurz oder Drachenblume genannt wurden. Aber keines, daß ich fand oder daß mir beschrieben wurde, hatte eine Blüte wie einen roten Drachenkopf.

Im ersten Jahr meiner Suche kam ich durch ein Land namens Sylesia. In einem kleinen Dorf, dessen Namen ich mir unmöglich merken konnte, erfuhr ich, daß es im Süden des Landes eine Abart des Mittelländischen Drachenkrautes "Artemisia dracunculus" geben sollte. Doch traf ich im Spätsommer ein und die Blütezeit war bereits vorbei. Und so zog ich weiter durch die Lande.
Im nächsten Jahr im Mai begab ich mich erneut nach Sylesia. Ich mußte jedoch feststellen, daß jenes Drachenkraut gelb blühte. Ich zog einige Zeit weiter durch das Land, daß vielversprechende Kräter bot, doch selbst die Gelehrten in Kazan (eine großes sylesisches Handelszentrum) konnten mir nicht weiterhelfen. Zu dieser Zeit bereits lernte ich die stolzen Sylesier bereits zu schätzen. Mutig, stolz, doch auch bescheiden und ihre Götter preisend.
Meine Suche trieb mich weiter in den Osten, in Länder von denen ich nie zuvor gehört hatte. Auch hier schien niemand eine solche Pflanze zu kennen. So kehrte ich um, um in den fernen westlichen Länder zu suchen und mein Weg führte mich ein weiteres Mal durch Sylesia. Ich traf nun nicht mehr auf Fremde, sondern auf Freunde. Doch ich konnte nur ein paar Tage verweilen.

Auch im Westen und später im Süden blieb meine Suche erfolglos. Erst war ich zornig auf mich selbst, daß ich dieses dämliche Kraut nicht finden konnte, doch dann kam mir langsam die Einsicht, warum die Götter meinten, mit dieser Aufgabe unseren Stolz dämpfen zu können. Sie wollten nicht, daß ich Erfolg hatte, solange mein Stolz zwischen mir und den Göttern stünde. Und so kam es, daß ich in einem Land, in dem der große Odin nur ein unbekannter Gott aus dem fernen Norden war, mich auf den höchsten Berg begab und dort zu meinen Göttern betete und um Verzeihung für meine Überheblichkeit bat. Und ob Ihr mir nun glaubt oder nicht, auf dem Abstieg fiel mir ein rotblühendes Kraut auf, dessen Blüte die Form eines Drachenkopfes hatte. Ich dankte den Göttern, nahm die Planze mit Wurzel und Erde mit und hütete sie auf dem langen Heimweg wie einen Schatz.

Einige Jahre war ich unterwegs gewesen. Mein Dorf war in einem furchtbarem Zustand. Doch der Stolz meines Stammes war ungebrochen. Als ich nun meine Geschichte vortrug, fielen sie am Ende in Gelächter und meinten, daß es nur Zufall gewesen sei, daß ich just kurz nach meinem Gebet die Pflanze fand.
Doch tief in mir wußte ich, daß ich recht hatte. Ich war traurig, daß ich auch in den folgenden Tagen kein Gehör fand und mir wurde klar, daß dies nicht das Volk ist, bei dem ich leben wollte. Und so nahm ich das nächste Schiff, das mich nach Süden in die Mittellande brachte. Ich schloß, mich dort einem Söldnerbund an - dem Greifenbund, ein bunt gemischter Haufen, der nicht große Töne spuckt, sondern sich den Gefahren an forderster Front stellt.
Zur letzten Jahreswende dann traf ich erneut auf einige Sylesier - unter ihnen Prinz Jaroslav von Jelenia Gora. Sie nahmen mich in Sold und ich tat mein bestes sie gegen die dunklen Horden zu verteidigen. Ich trug so einige Wunden davon und Jaroslav lachte jedesmal, wenn er mich schon wieder verbinden mußte. Als ich von einer Queste zurückkehrte, in der 6 Krieger gegen viele dutzend schwarze Imps kämpfen mußten, bat mich Jaroslav niederzuknien und schlug mich zur Ritterin.
Nun, so bin ich jetzt eine Sylesierin. Und ich bin stolz darauf.



 
LARP